Ich bin dann mal off...
"Es ist eine übereilte Zeit, mit
ewiger Hast, Nonstop-Präsenz und der symbiotischen
Reiz-Reaktions-Beziehung zu komischen kleinen Geräten. Es scheint
schwer, fast unmöglich, auszusteigen aus dem elektronischen Netz."
So beschreibt die "Spiegel"-Autorin Susanne Beyer die
Gegenwart – und sucht die Muße. Dazu mietet sie sich für zwei
Stunden in einem Spa ein, lässt sich massieren, hört Musik,
meditiert. Doch die Sehnsucht nach dem Blackberry lässt sie nicht
los. Damit ist Beyer nicht alleine.
Studien belegen: 60 Prozent der
amerikanischen Besitzer von mobilen E-Mail-Geräten lesen ihre
Nachrichten laut "Spiegel" schon vor dem Aufstehen. Jeder
Dritte bekommt an freien Tagen dienstliche Anrufe. Mehr als die
Hälfte der deutschen Arbeitnehmer antwortet im Urlaub auf
geschäftliche E-Mails. In der "Wirtschaftswoche" heißt
es: Wer heute einen Internet-Anschluss besitzt, schaut sich am Tag
privat rund 40 Webseiten an. Am Arbeitsplatz sind es deutlich mehr.
Mehr als 56 Sekunden verbringt kaum jemand auf einer einzelnen
Bildschirmseite. Studien zufolge besuchte ein Drittel der 18- bis
34-jährigen Frauen noch bevor sie morgens das Bad aufsuchten ihre
"Facebook"-Seite, schreibt die "Welt am Sonntag. 50
Prozent der Befragten gaben an, online mehr Freunde zu haben als im
wahren Leben.
Medientrend Ausbruch
Es scheint im Trend zu liegen,
auszubrechen. Alex Rühle, Kulturredakteur der "Süddeutschen
Zeitung" schildert seine Erlebnisse im Buch "Ohne Netz: Mein halbes
Jahr offline" auf 220 Seiten und stellt fest: Er ist süchtig
nach dem Internet. In der "Welt am Sonntag" heißt es:
"Rühles Buch hätte die Aufmerksamkeit verdient, weil sein Buch
eine kluge Selbstbeobachtung und Selbstbefragung ist: Bin ich
wirklich süchtig nach dem Netz? Kann ich ein halbes Jahr offline
sein?" Die meisten haben zumindest Schwierigkeiten mit dem
Lebenswandel. So auch der Journalist Christoph Koch. In seinem Buch
"Ich bin dann mal offline" testet er, wie sich das Leben,
Freundschaften, die Arbeit und das Selbstbild verändern, wenn
"Facebook" und Co. nicht mehr erreichbar sind. Sein Buch
erscheint am 26. Juli bei RandomHouse, Rühles ist bei Klett
erhältlich.
Auch der Autor Gary Shteyngart versucht
sich am Leben "ohne". In der "New York Times"
beschreibt er, wie er auf einer Wiese im Park sitzt, die Vögel
"twittern" (zu deutsch zwitschern) hört und versucht ein
Buch zu lesen: "Mein daten-überfluteter Kopf ist von der Dichte
und Länge (256 Seiten? Wie viele Bildschirme würde das füllen?)
verwirrt." Weiter schreibt Shteyngart: "Aus Instinkt
versuche ich fast, auf die eingefassten Seiten zu drücken, in der
Hoffnung, dass etwas aufpoppen wird, ein Link zu etwas Einfachem und
Leichtgängigen."
Auch wenn das etwas überspitzt sein
mag - die "Wirtschaftswoche" berichtet, dass sich
permanente Mediennutzung, wie im modernen Alltag üblich, negativ auf
die geistigen Fähigkeiten der User auswirkt. So besage eine Studie
der Stanford-Universität, dass Menschen, die chronisch multitasken,
nur noch schwer Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können und
die Fähigkeit verlieren, schnell zwischen simultanen Aufgaben zu
wechseln. Wissenschaftler des Londoner King's College warnten, wer
ständig seine E-Mails checke, erreiche mit seinen kognitiven
Fähigkeiten schon bald ein Niveau, das noch unter dem von
Marihuana-Rauchern liege. So schreibt der "Wirtschaftswoche"-Autor:
"Ich bin davon überzeugt: So, wie es in der Dialektik unserer
Existenz das Böse geben muss, damit sich das Gute manifestieren
kann, braucht es in unserer technisch hoch vernetzten Welt wieder ein
totales Offline, damit das Online weiterhin Nutzen stiften kann."
Schneller, aber nicht effizienter
Eine weitere Studie belegt auch dies:
Obwohl Smartphones, Videokonferenzen und E-Mails die Arbeit schneller
machen, wird sie nicht effizienter. Laut "Wirtschaftswoche"
testete der Sozialpsychologe Gregory Northcraft 200 Studenten in
Illinois. Er teilte sie in zwei Gruppen auf und ließ die einen für
die Realisierung eines Projekts nur via E-Mail und Video
kommunizieren. Die anderen arbeiteten in regelmäßigen Treffen an
der Aufgabe. Das Ergebnis: Die erste Gruppe blieb weiter hinter dem
Potential der zweiten zurück, ihre Motivation sank schneller, ihre
Zusammenarbeit funktionierte schlechter und ihr gegenseitiges
Vertrauen nahm immer mehr ab.
Ähnliches schreibt der "Spiegel":
Wer die Kommunikationstechnik nutze, verändere sich. "Er passt
seinen Lebensrhythmus den Geräten an und spürt kaum noch, dass er
langsamer und weniger kreativ arbeitet." Auch die ständige
Ablenkung durch digitale Geräte habe seinen Preis: So sollen
Angestellte in den USA 28 Milliarden verplempern, weil sie sich
ständig ablenken ließen. Das koste Firmen jährlich 588 Milliarden
Dollar. Ein weiteres Problem: Die Grenzen zwischen Privatem und
Geschäftlichem würden immer fließender. "Ein Verhängnis",
scheibt der "Spiegel". "Wenn alle immer und überall
erreichbar sind, gibt es keine Freizeit mehr, keine Muße."
Und so wird die neue Langsamkeit zum
Trend – und zwar zum luxuriösen. Laut "Spiegel" erhebt
der Lifestyle-Ausstatter "Manufactum" einen neuen Computer,
der möglichst wenig kann, zum Modell der Zukunft. US-amerikanische
Hotels bieten Urlaub, garantiert ohne Funk- und Internetverbindung,
an und sogar kirchliche Angebote wie meditative Gebetstreffen und
Klosteraufenthalte boomen. Für Berufsgruppen wie Journalisten oder
auch Politiker, kommt das freilich kaum in Frage. Im
"Spiegel"-Interview bekennt etwa Familienministerin
Kristina Schröder: "Ich stelle das Handy nie aus. Das würde
mich zu sehr beunruhigen." (pro)
Kommentare [2] >>>
Was bewegt Terry Jones?
Terry Jones hat erreicht, was schon sehr lange sein Herzenswunsch war: weltweite Aufmerksamkeit. In nahezu allen Zeitungen ist sein Bild zu sehen, in aller Welt berichten Fernsehsender, überall wird sein Name genannt. Die amerikanische Außenministerin beschäftigt sich ebenso mit ihm wie die deutsche Kanzlerin und der Vatikan.
mehr ...
© 2005–2010 | Das Christliche Medienmagazin pro ist ein Arbeitsbereich des Christlichen Medienverbunde KEP e.V. | www.kep.de
























Ullrich Papschik | 03.08.2010 11:52:51
Ich habe auch schon eine Zeit erlebt als zu Hause nach einem Gewitter mehrere Tage die Medientechnik nicht funktionierte. in der Anfangsphase war es schwer, ohne Telefon und Computer auszukommen. Dieser im Bericht beschriebene Trend ist aber nicht neu. Es soll auch schon Bürger geben, die unruhig werden wenn sie keine Geräusche oder keinen Lärm mehr hören.In Deutschland soll es selbst auch nur noch ganz wenige Stellen in der Landschaft geben, wo kein Lärm hörbar ist. (siehe auch bei Jes.14,3, Matth.11, 28, 29 und Ap.24,23 )
Franziska | 21.07.2010 05:54:12
Alles in Maßen, ist das doch eine weitere sehr gute Möglichkeit Freundschaften in aller Welt zu pflegen. Schönen Tag ich bin dann mal off ;-)