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Film

Kampf gegen das Erinnern

"Die Wohnung" ist eine wahre Geschichte über das Verdrängen. Als der Dokumentarfilmer und Jude Arnon Goldfinger die Wohnung seiner verstorbenen Großmutter ausmistet, entdeckt er Briefe und Fotos, die zeigen: Die Verwandte war mit einem Nazi-Ehepaar befreundet – und das, obwohl Goldfingers Urgroßmutter im KZ starb.

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Was tun, wenn Oma Nazis mochte? Mit dieser Frage muss sich Goldfinger in seiner Dokumentation "Die Wohnung" auseinandersetzen. Nach dem Tod seiner Großmutter Gerda begibt er sich gemeinsam mit seiner Mutter in das Heim der Verstorbenen in Tel Aviv. Er erinnert sich an seine Jugend. Nur vier Stockwerke habe er hinauf gemusst und schon sei er mitten in Berlin gewesen. Nietzsche, Goethe und Schiller zieren die hölzernen Bücherregale, überall stehen Fotos aus der alten Heimat. Immer habe er sich auf Englisch mit der Großmutter unterhalten, weil sie das Hebräische ablehnte und er des Deutschen nicht mächtig war. Denn Gerda und Kurt Tuchler sind erst nach Israel eingewandert, als sie nicht mehr anders konnten. 1936 verließen sie das nationalsozialistische Deutschland. Ihre Heimat ist das Land dennoch geblieben, davon gibt die Wohnung Zeugnis.

Stutzig wird der Filmer, als er in den Regalen der Tuchlers Nazipropaganda findet. Anscheinend hat Kurt Tuchler seinerzeit den Journalisten Leopold von Mildenstein nach Palästina begleitet. Die Nazi-Zeitung "Der Angriff" veröffentlichte die Geschichte 1934 unter dem Titel "Ein Nazi fährt nach Palästina". Mildenstein, so erfahren die Zuschauer im Film, arbeitete ab 1938 im Propagandaministerium unter Joseph Goebbels. Er war außerdem Vorgänger Adolf Eichmanns bei der SS – und hatte Sympathien für den Zionismus. Das findet ein Experte im Film durchaus logisch: Schließlich hätten die Nazis die Juden loswerden wollen, die Juden wiederum habe es nach Palästina gezogen. Mildensteins Ziel sei es gewesen, sie dazu zu bewegen, Deutschland freiwillig zu verlassen. Es war seine Antwort auf die Judenfrage. Er sei bestens vertraut mit dem Judentum, heißt es in offiziellen Papieren der Nationalsozialisten. Sein Wissen hat er sich wohl auch durch den Kontakt mit Tuchlers angeeignet.

Ein besserer Nazi?

Ob ihn das zu einem besseren Nazi gemacht hat? Goldfinger will sich mit diesem Gedanken nicht zufrieden geben, auch nicht, als er mehr und mehr Dokumente entdeckt, die belegen, dass Tuchlers sogar nach dem Krieg noch eine Freundschaft zu Mildensteins pflegten. Fotos zeigen die Frauen beim Tee oder die Ehepaare beim Posieren vor einem Wasserfall. Sogar Briefverkehr und gelegentliche Besuche hat es gegeben. Dass die Familien "sehr gute Freunde" waren, erklärt auch die Tochter Mildensteins, Edda Milz. Goldfinger trifft sie in Berlin. Von ihr erfährt er, dass seine Urgroßmutter im Konzentrationslager Theresienstadt getötet wurde. Seine Großeltern wussten das – und haben sich dennoch für die Freundschaft mit Mildensteins entschieden.

"Die Wohnung" ist nicht nur die Aufarbeitung einer faszinierend-tragischen jüdischen Familiengeschichte. Der Dokumentarfilm ist auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Folgen des Verdrängens. Im Laufe des Films konfrontiert Goldfinger sowohl seine Mutter als auch die Tochter Mildensteins mit der Tatsache, dass sie sich nie mit dem Leben ihrer Familien in Nazi-Deutschland beschäftigt haben. Genauso wie seine Mutter nichts vom Tod der Urgroßmutter im KZ wusste, war Edda Milz nicht klar, dass ihr Vater ein aktiver Nationalsozialist war. All das kommt erst ans Licht, als Goldfinger zu recherchieren beginnt.

Doch warum hat vor ihm niemand Fragen gestellt? Eine Szene im Berliner Garten der Familie Milz zeigt es und wird so zur Schlüsselszene des Films: Man habe damals einfach nicht nachgefragt, sind sich Edda und Goldfingers Mutter einig. Sie haben ihren Eltern Gehorsam geleistet. Nachbohren war nicht gestattet. So nahm die Verdrängungsmaschinerie auf beiden Seiten ihren Lauf. Nazis und Juden stehen sich in diesem Punkt in nichts nach, will Goldfinger sagen. Doch warum verdrängen ausgerechnet die Juden? Wie konnten Tuchlers die Freundschaft zu Nationalsozialisten aufrecht erhalten und sie sogar besuchen, nur wenige Jahre, nachdem sie ihre Mutter durch die Nazis verloren hatten? Goldfinger findet nach langer Suche ein Motiv. Gerade Juden, die lange in Deutschland gelebt hätten, sehnten sich nach wenigstens einem guten Deutschen. Zu unerträglich sei der Gedanke, dass die eigenen Landsleute sie gnaden- und ausnahmslos verfolgten. "Fängt man einmal an, von der Vergangenheit zu sprechen, findet man kein Ende mehr", resümiert der Filmemacher am Ende seines Werks. "Die Wohnung" zeigt eindrucksvoll, dass das Sprechen und Fragen dennoch ebenso notwendig wie schmerzhaft ist. (pro)

"Die Wohnung". Regie: Arnon Goldfinger. Dokumentarfilm, Deutschland/Israel 2011, 97 Min.


VON: aw | 20.06.2012

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Kommentare [2] >>>

  • A. Eissler | 06.12.2012 12:15:20

    Die Frage: "Wie konnten Tuchlers die Freundschaft zu Nationalsozialisten aufrecht erhalten und sie sogar besuchen, nur wenige Jahre, nachdem sie ihre Mutter durch die Nazis verloren hatten?" (im letzten Abschnitt) ebenso wie die Antwort Goldfingers findet sich ja schon damals im Verhältnis von jüdischen Einwanderern und schon ansäßigen Juden in der damaligen osmanischen Provinz bzw. dann dem Mandatsgebiet Palästina wie auch im heutigen Israel: Warum unterhielten und unterhalten jüdische Israelis teilweise enge Freundschaften zu arabischen Mitbürgern und sellbst zu arabisch-palästinensischen Menschen, die z.T. offen mit denen sympathisieren, die in Selbstmord- und anderen Anschlägen so manche ihrer Angehörigen verletzt oder ermordet haben? Die Antwort geht meiner Meinung nach noch tiefer als die Antwort Goldfingers: Es ist der Wunsch nach Frieden und Auskommen mit Menschen, die selbst oft keinen Frieden mit ihnen wollen.

  • Norbert Schulz | 23.06.2012 22:05:24

    Die Vergangenheit wirkt durch die Gegenwart hinein in die Zukunft und man darf gespannt auf das weitere Verhältnis der Deutschen zu den Juden angesichts iranischer Drohungen.

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