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Film

Deine Katastrophe ist auch meine

Nakba ist das Wort der Araber für "die Katastrophe", ihre Vertreibung aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina und die Gründung des Staates Israel. Doch jede Bevölkerungsgruppe hat ihre eigenen Katastrophen zu verarbeiten. Das zeigt Regisseur Leo Kashin in seinem Film "Kaddisch für einen Freund", der die Geschichte einer Annäherung von Arabern und Juden in Berlin-Kreuzberg erzählt.

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Der 84-jährige Alexander und der 14-jährige Ali stehen sich gegenüber. Der junge Mann mit Boxhandschuhen, der alte hebt seine bloßen Fäuste, mitten in der verwüsteten Wohnung des Juden Alexander.

Ali, ein Flüchtling aus dem Libanon, und seine Freunde waren zuvor bei dem Rentner eingebrochen. "Jude = Nazi" hat der Araber in dicken schwarzen Lettern an die Wand im Wohnzimmer gesprüht. Doch Alexander, ein Russe und Ex-Israeli, hat den Jungen erwischt. Nun muss dieser ihm helfen, seine Wohnung wieder herzurichten, um einer Verurteilung und damit der Abschiebung zu entgehen. Das ändert nichts daran, dass die beiden sich aus tiefster Seele hassen.

Als Alexander Ali in den Trümmern seiner Wohnung zum Kampf herausfordert, zögert der nicht lange und schlägt zu. Doch es ist nicht der Schlag selbst, der den Alten fast das Leben kostet. Ein Asthmaanfall nimmt ihm die Luft zum Atmen. Ali flieht aus der Wohnung – um zurückzukehren und Alexander seine Medizin in den Rachen zu sprühen. "Wer nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt", zitiert der Jude später aus dem Talmud. Der Boxkampf ist die Schlüsselszene im Film "Kaddisch für einen Freund". An diesem Punkt beginnt Freundschaft aus Hass zu erwachsen. Das ist es, wovon Regisseur Kashin erzählen möchte: Eine Geschichte der Freundschaft zwischen Palästinensern und Juden mitten im Problemkiez in Berlin-Kreuzberg.

"Er hat den Stern an der Tür"

Ali ist im Flüchtlingslager aufgewachsen. Die Wohnung am Halleschen Tor ist für ihn und seine Familie die erste eigene Bleibe. Alexander wohnt direkt über ihnen. Bei ihrer ersten Begegnung entdeckt Ali die Mesusa an Alexanders Türrahmen, eine Schriftkapsel, die gläubige Juden vor dem Eintritt in ihre Wohnung mit der Hand berühren. "Er hat den Stern an der Tür", berichtet er seinem Vater aufgelöst und stürmt in sein Zimmer, seine eigene Tür ist mit der palästinensischen Fahne verhangen. "Free Palestine" sprüht er wenige Szenen später an eine Mauer im Kiez. Doch auch Alexander gelobt, niemals "vor den Arabern" zu "kapitulieren". Seit 30 Jahren lebt er umgeben von arabischstämmigen Einwanderern. Und auch ihm droht die Abschiebung – und zwar ins Altersheim. Wenn er nicht beweist, dass er noch in der Lage ist, alleine zu leben, soll er seine Wohnung verlassen. Die Verwüstung durch die Jugendlichen kommt ihm da denkbar ungelegen. Die ungleichen Leidensgenossen brauchen einander, um einer unerwünschten Zukunft zu entgehen.

"Kaddisch für einen Freund" ist eine Geschichte, die sich so überall auf der Welt zutragen könnte. Kashin hat etwas Ähnliches schon selbst erlebt, wie er in Interviews verriet. Einige der Schauspieler seines Films stammen tatsächlich aus dem Viertel am Halleschen Tor in Berlin-Kreuzberg. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Ryszard Ronczewski (Alexander) und Neil Belakhdar (Ali) spielen glaubwürdig. Ronczewski überzeugt etwa, als er in einem Ausbruch von Wut seine Kamera nach Ali wirft, die dabei zu Bruch geht. Wenig später besucht ihn ein Freund, findet das Gerät und gibt sich im Hinblick auf den vorangegangenen Einbruch verständnisvoll: "Sogar die haben sie zerstört, diese Unmenschen." Ich war in diesem Fall der Unmensch und überhaupt, sind wir das nicht alle?, scheint Ronczewskis Blick in diesem Moment zu sagen.

Mensch statt Politik

Es ist diese Dualität, die den Film vorantreibt. So wie Ali durch "die Katastrophe" im Flüchtlingslager aufwachsen musste, verlor Alexander durch deren Folgen seinen Sohn im Libanonkrieg. So wie Ali hinter jedem Juden einen Verräter vermutet, sind die Araber für Alexander unberechenbar und feindselig. Der Zuschauer stellt sich im Laufe des Films zwangsläufig die Frage: Sind festgefahrene Klischees, wie die in den Köpfen von Ali und Alexander, tatsächlich so leicht aufzulösen, wie es auf der Leinwand erscheint?

"Kaddisch für einen Freund" ist eine nette Berliner Geschichte, die an etwas zu vielen Stereotypen krankt, deren Hauptdarsteller aber umso glaubwürdiger sind. Schön, dass Kashin sich nicht darin verliert, politische Fragestellungen erörtern zu wollen. Ihm geht es um die Menschen, nicht um den Konflikt zwischen Arabern und Juden selbst. Hier ist jeder gleich schuldig und unschuldig. Und jeder hat seine persönliche Nakba erlebt. (pro)

Kaddisch für einen Freund, D 2011 - Regie und Buch: Leo Khasin. Kamera: Mathias Schöningh. Mit: Ryszard Ronczewski, Neil Belakhdar, Neil Malik Abdullah. Farbfilm, 94 Minuten, Start: 15.3.2012


VON: aw | 16.03.2012

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Kommentare [1] >>>

  • beobachter | 17.03.2012 12:15:17

    nur für alle fälle. das britischen mandatsgebiet palästina. - zuerst wurde davon jordanien abgetrennt - der rest sollte auf beschluss des völkerbundes weiter geteilt werden quasi 2 staaten lösung, israel hat das akzeptiert.(jemand anderes nicht ratet mal wer) - israel wird überfallen kaum das der staat gegründet ist. in der folge fliehen über juden nach israel und aus israel flüchten araber. - libanon (war christlich dominiert) hat viele aufgenommen nächstenliebe und so. naja das ergebnis waren 14 jahre bürgerkrieg (lest mal brigitte gabriel dazu) ansonsten wollte keiner die araber aus israel haben (auch wenn jordanien quasi ihre land wäre vergleicht mal die flaggen) menschen gelten normalerweise nur ein ebegrenzte zeit als flüchtlinge. wenn die palästinenser flüchtlinge sind müssten die deutschland vertriebenen aus dem zweiten weltkrieg und ihre kindeskinder genauso als flüchtlinge gelten. @redaktion von pro: ich hätte zumindest eine historisch korrekte anmerkung erwartet zum thema israel p.s. die meisten gebiete in israel wurden, vor der staatsgründung, mittels spenden aufgekauft. der kaufpreis war min das 10fache des aktuellen wertes

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