Unicef-Report: Jugend fühlt sich allein gelassen
Im internationalen
Vergleich liegt Deutschland laut Unicef im oberen Mittelfeld, wenn es darum
geht, eine gute Lebensumwelt für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Den ersten
Platz belegen die Niederlande, die Bundesrepublik findet sich auf Platz acht
von 21 Industriestaaten. Kein Grund zur Zufriedenheit, meint Unicef dennoch und
zeigt: Dringender Handlungsbedarf besteht in Deutschland vor allem bei allein
erziehenden Müttern. Sie sind seit Jahren besonders stark von materieller Armut
betroffen. Besorgnis erregend sei zudem, dass deutsche Jugendliche ihre
beruflichen Perspektiven düsterer sehen als ihre Altersgenossen in allen
anderen Industrienationen. Sie berichteten häufiger als junge Menschen in
anderen Ländern davon, sich allein gelassen und als Außenseiter zu fühlen.
"Du kannst es
schaffen!"
"Erwachsene
müssen Kindern den Glauben an sich selbst vermitteln, um sie auch für eine
unsichere Zukunft zu stärken. 'Du kannst es schaffen!' – das ist die Botschaft,
die bei amerikanischen Jugendlichen trotz ungünstigerer Bedingungen ankommt. In
Deutschland vermitteln wir vor allem mögliche Gefahren. Nach dem Motto: ‚Pass auf,
dass Du nicht scheiterst!'", erklärt der Autor der Studie, Hans Bertram
von der Humboldt-Universität Berlin.
Für die am
Donnerstag erschienene Studie untersuchten die Autoren Hans Bertram und Steffen
Kohl das Wohlbefinden der Kinder in 21 Industrieländern anhand der Dimensionen:
materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung und Ausbildung,
Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen, Verhaltensrisiken sowie subjektives
Wohlbefinden. Dazu nutzten sie unter anderem Daten von Eurostat, OECD, PISA,
Weltgesundheitsorganisation, Weltbank und deutschem Mikrozensus.
In der
Vorgängerstudie von 2007 hatte Deutschland schlechter abgeschnitten und war im internationalen
Vergleich auf Platz elf gelandet. Verbessert hat sich die Situation der Kinder
und Jugendlichen in den Dimensionen "Bildung", "Beziehungen zu
Gleichaltrigen und Familie" sowie "Verhalten und Risiken". So
gebe es etwa messbare Leistungsverbesserungen beim Lesen, in Mathematik und den
Naturwissenschaften. Viele Kinder und Jugendliche blicken aber pessimistisch in
ihre berufliche Zukunft. Knapp 25 Prozent erwarten laut Unicef, dass sie nach
Beendigung der Schule und der Ausbildung nur Arbeiten mit niedriger
Qualifikation ausüben werden. In den USA, die im Gesamtvergleich ganz hinten
liegen, haben nur 9 Prozent eine so pessimistische Erwartung. Deutschland liegt
zeigt hier die negativsten Werte aller untersuchten Industrieländer.
Bewegungsmangel,
Übergewicht, Mobbing
Der Alltag vieler
Familien in Deutschland wird im Unterschied zu vielen anderen Ländern stark von
einer "Verlängerung" der Schule in die Familie bestimmt: Hausaufgaben
werden außerhalb der Schulzeit zu Hause erledigt, Eltern oft zu
"zwangsverpflichteten Hilfslehrern" - mit entsprechenden Auswirkungen
auf die Rollen und die Kommunikation in der Familie. Direkte körperliche
Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Jugendlichen sind in Deutschland im
internationalen Vergleich relativ selten. Allerdings berichteten überdurchschnittlich
viele Jungen und Mädchen - jeder dritte - dass sie von anderen drangsaliert
oder gemobbt werden. Rund 12 Prozent der Jugendlichen im Alter von 13 und 15 Jahren
in Deutschland leiden an Übergewicht und Bewegungsmangel. Obwohl sich der
Anteil halbiert hat, liegt der Prozentsatz der rauchenden Kinder immer noch
deutlich höher als etwa in Schweden, Norwegen und den USA. Jedes achte Kind gab
laut Unicef an, bereits mehrmals betrunken gewesen zu sein.
Anhaltend schwierig
ist die materielle Situation vieler Kinder in Deutschland. Von rund 2 Millionen
Kindern und Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, müssten 34
Prozent der Haushalte oder fast 700.000 Kinder von weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen
Haushaltseinkommens leben. Rund 350.000 verfügen sogar über weniger als 50 Prozent. 6
Prozent der Heranwachsenden erleben sich laut Studie als Außenseiter. 11
Prozent der befragten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland geben
an, sich "unbehaglich und fehl am Platz" zu fühlen. Etwa jeder dritte
15-Jährige sagt, dass er sich "alleine" fühlt. Was die Lebenszufriedenheit
angeht, liegt Deutschland auf dem 18. Platz. Erfreulich sei hingegen:
Überdurchschnittlich hoch - bei fast 36 Prozent - liegt der Anteil der Kinder
in Deutschland, die die Schule "sehr gerne" mögen. (pro)
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