Missbrauch: TV-Debatten über Schuld und Ursachen
"Es
wird alles versucht, um die Wahrheit ans Licht zu bringen", sagte Weihbischof
Hans-Jochen Jaschke in der ARD-Sendung "Hart aber fair" vom 24.
Februar. Wie die meisten katholischen Würdenträger verteidigte er den Umgang seiner
Kirche mit den Missbrauchsfällen. Damit wies er etwa den Angriff von
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zurück. Sie hatte im
Vorfeld der Sendung angemahnt, der katholischen Kirche mangele es an
Kooperationsbereitschaft mit der Justiz. Nicht nur in "Hart aber fair" stritten Prominente wie CDU-Politiker Heiner Geißler, Journalisten
wie der Vatikan-Korrespondent Andreas Englisch oder Betroffene wie Norbert Denef,
der als Ministrant jahrelang von einem Pfarrer missbraucht worden war.
In der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger" vom
9. März trafen Schriftstellerin Gabriele Kuby, Geißler und der Ex-Regensburger Domspatz
Frank Wittenbrink aufeinander. Missbrauch sei kein kirchliches Problem, es gäbe
ihn überall in der Gesellschaft, sagte Kuby. Auch wenn sie in dem Punkt viel
Zustimmung erntete, stellten Publikum und Talkgäste die katholische Kirche an
den Pranger. Das läge an der hohen Sexualmoral, die die Kirche selber
formuliert habe, sagte Geißler und weiter: "Wenn so etwas passiert, dann
ist der Sturz nach unten in der öffentlichen Meinung besonders gravierend."
Ursachen:
68er? Zölibat? Postmoderne?
Vor allem wurde in den Sendungen über die Ursachen des
Kindesmissbrauchs diskutiert: Ob dieser Folge einer gesellschaftlichen
Entwicklung wie der 68er-Bewegung gewesen ist, der Zölibat oder die sexuelle
Freizügigkeit der postmodernen Gesellschaft Schuld ist, darüber gab es viele
Ansichten. Die einen forderten die Abschaffung oder zumindest die Lockerung des
Zölibats. Andere, vor allem die Kirchenvertreter, sahen "keinen ursächlichen
Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch". Auch Missbrauchsopfer Denef
sagte in "Hart aber fair", dass der Zölibat nicht der Grund für den
sexuellen Missbrauch in der Kirche sei.
Bei "Maybritt Illner" am Donnerstag sagte die
Vorsitzende des Vereins "Innocence in Danger" Stephanie zu Guttenberg,
auf der Suche nach dem Ursprung der Taten würden die Opfer oftmals vergessen.
Ihre Organisation setzt sich für die Opfer sexuellen Missbrauchs ein. In der
Sendung betonte sie, dass es immerhin um Kinder gehe, die geschützt werden
müssten. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann stimmte ihr darin zu – und
wirkte fast erleichtert, dass das Augenmerk hin zu den Opfern und weg von den
Tätern gelenkt wurde. In den Medien war im Vorfeld vor allem kritisiert worden,
dass die katholische Kirche potenzielle Missbrauchsfälle selbst überprüft,
bevor sie sie an die Staatsanwaltschaft weitergibt. Bei Maybritt Illner
prangerte das auch Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger an. Auf die
Frage, ab wann ein Verbrechen bei der katholischen Kirche als kriminell gelte
und an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet würde, konnte Ackermann keine
eindeutige Erklärung liefern.
Eine
Kirche in der Defensive
"Weichgespülte Rethorik" nannte
"Spiegel-Online" die Verteidigungsreden des Weihbischofs Jaschke bei
"Hart aber fair". Auch der Salzburger Weihbischof Andreas Laun stieß
bei Maischberger mit seiner Frage "Warum schaut man eigentlich bei den
Evangelischen nicht genau hin?" nur auf Kritik. Wer sich auf diesem Niveau
verteidigen müsse, stehe "mit dem Rücken zur Wand", kommentierte "Spiegel-Online".
In der Tat wirkten viele Aussagen katholischer Vertreter unspezifisch. Opfer
und Öffentlichkeit aber fordern von der Kirche und auch von der Justiz ein
klares Zeichen. Für Norbert Denef wäre ein solches etwa die Abschaffung der
Verjährungsfrist für sexuellen Mißbrauch, wie er bei "Hart aber fair"
sagte.
Er berichtete auch, wie ihm seinerzeit 25.000 Euro
Schweigegeld angeboten worden waren, wenn er nur nicht "irgendwelche
Informationen über die angeblich schädigende Handlung" Dritten gegenüber
äußere. Weihbischof Jaschke hingegen sagte: "Wir haben gezeigt, dass wir
auf der Seite der Opfer stehen und die Täter bestraft werden." Denef
allerdings hat wie viele Opfer Jahre lang gegen das Schweigen angekämpft. Für
ihn stehen Worte und Taten der katholischen Kirche nicht in Einklang. Diesen
Eindruck mag das Verhalten der katholischen Kirche in den Sendungen auch bei
manchem Zuschauer hinterlassen haben. Nach scheinbar unendlichen
TV-Diskussionen bleibt aber vor allem eines in Erinnerung: Es wurde viel
geredet aber wenig Relevantes gesagt. Eine Antwort auf Schuld- und
Unschuldsfrage konnte keine der Sendungen geben, geschweige denn Aufschlüsse
über die Ursachen der Taten geben. (pro)
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Weiterführende Links zu dem Thema
- Zur Sendung "Die Priester und der Sex" [Menschen bei Maischerger]
- Zur Sendung "Moral predigen, Missbrauch dulden" [Maybritt Illner]
- Zur Sendung "Die Priester und der Sex" [Hart aber fair]
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