Fernsehen
Geteiltes Medienecho zum Minarettverbot
Der in der Schweiz in religiösen Fragen erzielte Kompromiss sei wohlerwogen, befindet Thomas Schmid. "Die Art des Zusammenlebens, die sie gefunden und erkämpft haben, halten sie für gut und bewahrenswert." In dem kantonal geprägten Staat gelte Veränderung nicht als etwas Erstrebenswertes und die Bevölkerung zögere den Status quo zur Disposition zu stellen. Selbst falls fremdenfeindliche Motive beim Votum eine Rolle gespielt haben könnten, sei die Schweiz ein Staat, dessen Bürger ihr Gemeinwesen ernst nähmen.
"Man sollte aber anerkennen, dass hier eine Frage aufgeworfen wurde, die nicht überall eine Chance hat, in den öffentlichen Raum der Argumentation vorzudringen: die Frage, ob ein in Europa auf herkömmliche Weise inszenierter Islam nicht auch eine Gefahr für das prekäre Gleichgewicht aller säkularisierten Gesellschaften darstellen kann", sagt Schmid, ob hinter dem Votum nicht auch Erwägenswertes stehen könnte.
"Man sollte aber anerkennen, dass hier eine Frage aufgeworfen wurde, die nicht überall eine Chance hat, in den öffentlichen Raum der Argumentation vorzudringen: die Frage, ob ein in Europa auf herkömmliche Weise inszenierter Islam nicht auch eine Gefahr für das prekäre Gleichgewicht aller säkularisierten Gesellschaften darstellen kann", sagt Schmid, ob hinter dem Votum nicht auch Erwägenswertes stehen könnte.
Zu heftigen Debatten hat das Urteil zum Minarettverbot auch in den deutschen Medien gesorgt.
Foto: flickr/belaama
Sehr islamkritisch kommentiert der Münchner Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad das Thema im "Tagesspiegel": "Europa hat Angst vor dem Islam, und Moslems wissen nicht, wie sie darauf reagieren können. Die Maulkörbe, die die Muslime den Islamkritikern zu verpassen versuchten, bewirkten genau das Gegenteil. Die islamische Überempfindlichkeit gegenüber Kritik führte zur Entstehung einer verkrampften Streitkultur, wo deutliche Meinungen unerwünscht waren."
Asymmetrie beim Verbot von Religionen
Aus Sicht des Journalisten Henryk M. Broder habe sich die Schweiz als erste europäische Nation in einer freien Abstimmung gegen die "Islamisierung ihres Landes" entschieden. "Aber nicht gegen die Religionsfreiheit oder den Islam als Religion. Nur gegen eine Asymmetrie der Verbote für Religionen im Orient und Okzident." Und damit, wie Broder schreibt, gegen eine Asymmetrie, die auch in anderen Ländern als naturgewollt hingenommen wird.
Die wirklichen Verlierer der Abstimmung seien nicht die Moslems, die weiterhin ihre Religion praktizieren könnten. Die wirklichen Verlierer seien die "Gutmenschen, die eine andere Kultur immer verteidigenswerter finden als die eigene, und die Trittbrettfahrer, die schon immer für totalitäre Versuchungen anfällig waren."
FAZ-Redakteur Jürg Altwegg stellt in Frage, ob die Abstimmung letzten Endes verfassungsrechtlich durchsetzbar sein wird. Aus seiner Sicht sei das "idiotische Ansinnen eine reine Provokation zur Profilierung der Schweizerischen Volkspartei (SVP)" gewesen. "Ich bin aber auch der Überzeugung, dass es keine vom Volk abgesegnete permanente und pauschale Baubewilligung braucht." Genauso wie man von Minderheiten in der Fremde eine gewisse Zurückhaltung erwarte, sollten sie als "Zeichen ihrer Integration und aus Sorgen um den innenpolitischen Frieden ihrer neuen Heimat freiwillig auf den Bau von Minaretten verzichten", so Altwegg.
Tiefe Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung
Die Frage nach der Integration und den bestehenden Realitäten sei "eine landesweite Debatte wert, nicht aber der Bau von Minaretten, von denen es in der Schweiz im Übrigen nur vier gibt", schreibt der Redakteur der "Frankfurter Rundschau" Thomas Schmid.
Aus Sicht von Hans-Jürgen Jakobs, "Süddeutsche Zeitung", zeige das Abstimmungsergebnis die "tiefe Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung, zwischen dem politisch für vernünftig Gehaltenen und der wirklichen Meinung der Leute. Der Staat tickt anders, als jene, die den Staat ausmachen."
Für Andreas Zumach, UN-Korrespondent der Tageszeitung "taz" in Genf, ist dies eine Initiative, die auf eine zunehmend verunsicherte Schweizer Bevölkerung gemünzt ist." Die Initiative für das Minarettverbot habe ein "kommodes Feindbild", das die Initiatoren zu weiteren Schritten veranlassen werde. "Und auch in anderen Ländern Europas dürfte die Hetze gegen den Islam, gegen Muslime und Musliminnen nach dieser traurigen Schweizer Vorleistung zunehmen."
Knapp 58 Prozent der Schweizer Bevölkerung hatten den Neubau von Minaretten in der Volksabstimmung abgelehnt. Damit unterstützten sie die Volksinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU). In den vergangenen Monaten war der Volksabstimmung eine breite gesellschaftliche Debatte vorausgegangen. (pro)
Kommentare [3] >>>
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Daniel | 03.12.2009 22:17:19
Ich kann nicht begreifen, dass die Deutsche ev. Allianz sich gegen die Initiative ausgesprochen hat! Hier geht es doch nicht um Religionsfreiheit, sonder um die Machtdemonstration des Islam. Und was ertönt vom Minarett? Sowas wie "Es gibt keinen anderen Gott außer Allah...". Da braucht mir keiner mit einem Vergleich zu deutschen Kirchtürmen mit einem neutralen Glockenläuten kommen. Und wenn ich höre, welche Leute momentan am lautesten schreien, wie sehr die Religionsfreiheit verletzt wird, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Speziell die Herrschaften aus z. B. Ägypten oder der Türkei. Dort gibt es Religionsfreiheit nur auf dem Papier (googelt mal nach "Ägypten Religionsfreiheit"). Die Christen dort wären froh, wenn Sie auch nur annähernd die Rechte der Muslime in Europa hätten. Leider haben sie keine Lobby bei den Gutmenschen in unseren Medien. Diese schreien nämlich nur auf, wenn es um den Islam geht...
Timon | 02.12.2009 17:25:38
Die ganze Sache zeigt doch, dass das Bild von multikulti nur bei bestimmten Bevölkerungsgruppen existiert. In Wirklichkeit ist es nur Geschwätz.
frank | 02.12.2009 16:00:21
Das Verbot hat endlich zu einer Diskussion gefuehrt. Dies hilft beiden Seiten. Es muss unbedingt etwas gegen die Parallelgesellschaften unternommen werden.